Wenn du gelebt hättest

Donnerstag, 7. Mai 2015
Wenn du gelebt hättest, dann hätte ich deinen ersten Augenaufschlag gesehen, ich hätte dein kleines Herzchen auf meinem Pochen gehört. Wenn du gelebt hättest, dann hätte ich dich nach ein paar Tagen mit nach Hause genommen. Ich hätte dich gestillt und dir beim Schlafen zugesehen. Wenn du gelebt hättest, hätte ich dir dabei zugesehen wie du die Welt entdeckst. Wie du das erste Mal dein Köpfchen hebst, lächelst und dich auf den Bauch drehst. Wenn du gelebt hättest, hätte ich dich durch deine erste Erkältung begleitet. Ich hätte dich gesund gekuschelt, dich gestreichelt und ich hätte mir unendliche Sorgen gemacht. Wenn du gelebt hättest, wäre ich dabei gewesen, wie du deine ersten Fortbewegungsversuche meisterst und ich hätte auch gesehen wie du scheiterst. Aber ich hätte dich immer ermutigt. Wenn du gelebt hättest, wären wir deine ersten Schritte Hand in Hand gegangen und du wärst in meine Arme gestolpert. Ich hätte dich aufgefangen und ich hätte gequietscht. Wenn du gelebt hättest, wäre mein Herz täglich übergesprudelt vor Liebe - vermutlich hätte ich dich beinahe mit ihr erdrückt. Aber natürlich hätte ich aufgepasst, dass ich es nicht übertreibe. Wenn du gelebt hättest, würden wir dieses Jahr deinen Geburtstag gemeinsam bei einem riesengroßen Fest feiern. Mit Luftballons und Kuchen! Wenn du gelebt hättest, wärst du jetzt der große Bruder von deiner quirligen, kleinen Schwester, der ihr noch mehr Schabernack beibringt. Ihr würdet zusammen so viel Quatsch machen, euch necken, stänkern und danach wieder glücklich übereinander herfallen und euch drücken und küssen, weil ihr euch liebt. Ihr würdet euch kitzeln und ich würde verrückt werden vor Glück, wenn ich euer gurgelndes Lachen hören würde. Ich würde mich einfach zwischen euch quetschen und würde mich von euch abkitzeln lassen - wir würden zusammen lachen bis uns die Bäuche weh tun. Wenn du gelebt hättest, würdest du deiner kleinen Schwester jetzt beim Abendbrot zubereiten helfen, nicht ich. Wenn sie weinen würde, würdest du sie trösten. Ich weiß, du wärst ein einfühlsamer Bruder gewesen mit viel Quatsch im Kopf. Wenn du gelebt hättest, würdet ihr doppelt an meinen Nerven zehren, aber ihr würdet mich auch doppelt glücklich machen. Denn Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt. 

Doch leider durftest du nicht länger leben, als 36 Wochen in meinem Bauch. Und ich habe auch heute noch einen Kloß im Hals wenn ich über dich schreibe. Tränen rollen über meine Wangen, sobald ich ganz fest an dich denke. Es sticht so sehr in meinem Herzen, wenn ich mir vorstelle, wie das Leben mit dir, hier, gewesen wäre. 

Ich durfte nie sehen, wie du deine Augen öffnest. Wie du mich anschaust, wenn du traurig bist oder müde. Ich durfte niemals hören, wie deine Stimme, dein Lachen klingt. Ich durfte nie ein Mama aus deinem Mund hören, obwohl du mich dazu gemacht hast. Wenn ich nur einen einzigen Wunsch in meinem Leben frei hätte, ich würde mir wünschen, dass du auf mich zugerannt kommst und dabei lachst. Dann fällst du mir um den Hals und ich drücke dich, so fest ich nur kann, an mich und küsse dich, so oft, bis ich das Gefühl habe, dass es für ewig ausreicht - auch wenn ich weiß, dass das unmöglich ist. 

Ich durfte nie sehen, wie du die Welt entdeckst, ich durfte dir nie bei deiner ersten Erkältung die Hand halten, deinen kleinen Körper auf meinem schlafen lassen. Ich durfte dir nie einen Gute Nacht-Kuss geben und ich werde nie erfahren wie es sich anfühlt, von dir geküsst zu werden. Niemals werde ich mit dir Hand in Hand gehen können. Niemals werde ich die Gelegenheit haben, wie du strahlst, wenn du ein Geschenk auspackst oder eines überreichst, welches du selbst gebastelt hast. Du wirst mir nie sagen können, was du gerne isst oder wen du gerne magst, weil du hier bei uns nicht leben durftest. Deine Schwester wird dich niemals richtig kennen lernen, dein Gesicht berühren oder dich in die Arme nehmen können. Ich werde niemals zwischen euch beiden liegen können. Niemals werdet ihr gemeinsam über mich herfallen und mich kitzeln. Niemals wird dein Herz, gemeinsam mit dem deiner Schwester auf meinem schlagen und nie werde ich euch beide gemeinsam in die Arme nehmen können und euch sagen, wie sehr ich euch liebe. 

Alles was ich tun kann, ist von dir zu erzählen. Und das muss ich. Auch heute noch. Du bist Teil meines Lebens und du bedeutest mir so wahnsinnig viel. Ich liebe dich mit meinem ganzen Herzen und wenn ich an dich denke, dann sprudelt mein Herz trotzdem vor Glück über, weil ich dich kennen lernen durfte. Auch wenn du nicht, hier bei uns, gelebt hast. Aber du warst da, in meinem Bauch. Ich habe jedes kleine Kribbeln vernommen, jeden Tritt herbei gesehnt. Ich habe es genossen, dich gestreichelt und dir all meine Liebe geschenkt. Ich habe dich geboren und dich ganz fest in meinen Armen gehalten. Ich weiß bis heute, wie du gerochen hast und ich werde nie die kostbare Zeit vergessen, in der wir zusammen waren. Es waren nur ein paar Stunden, aber sie bedeuten mir die Welt. Und ich liebe dich, genauso wie ich deine Schwester liebe. Du bist Teil UNSERES Lebens. Und wenn man so sehr liebt und so viel Glück empfindet, dann ist da gar nicht mehr so viel Platz für Traurigkeit. Ich bin dankbar. Sehr dankbar. Und ja, auch traurig, unendlich traurig, wenn ich gerade nicht glücklich sein kann. Aber nur, weil ich mir wünschte, du könntest hier bei uns sein. Jetzt!



Kommentare on "Wenn du gelebt hättest"
  1. Wunderschön geschrieben, wenn auch sehr traurig. Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt. Ich drücke Dich!

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    1. Ich danke dir von Herzen für die lieben Worte!

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  2. Wirklich wunderschöne geschrieben liege Sahra!!! Ich drücke Dich ganz fest!!!!!

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  3. Toll geschrieben! Ich hatte echt Tränen in den Augen beim Lesen.
    Vielen Dank dafür, dass du das mit uns teilst.

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    1. Ich danke dir für die lieben Zeilen!

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  4. Ich bin sprachlos mit Tränen in den Augen. Gottes Segen Sina

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  5. Ich musste ganz schwer schlucken. Dieser Post steckt voller Liebe, aber die Trauer und Sehnsucht darin lässt mein Herz krampfen. Ich kann nicht einmal ansatzweise erahnen wie es sich für dich anfühlen muss. Ich möchte dich ganz fest drücken.

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    1. Ich danke dir tausendmal. Für so liebe Worte und für das Mitgefühl!

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